Glatt findet zurück zur Natur
Die Glatt fliesst bei Rümlang erstmals durch ein neu geschaffenes Flussbett. Das Revitalisierungsprojekt schafft wertvolle Lebensräume und gilt als wichtiger Meilenstein für die Region.
Die Ehrengäste weihen den neuen Flusslauf symbolisch ein. Bild: Janik Schmid
Die Glatt fliesst bei Rümlang erstmals durch ein neu geschaffenes Flussbett. Das Revitalisierungsprojekt schafft wertvolle Lebensräume und gilt als wichtiger Meilenstein für die Region.
Rümlang. Der Bagger greift in den Erdwall, Schaufel um Schaufel verschwindet die Erde. Wenige Augenblicke später drückt das Wasser der Glatt durch die Öffnung, breitet sich aus und sucht sich seinen Weg durch das neu geschaffene Flussbett. Was lange geplant worden war, wurde am Donnerstag letzter Woche im Gebiet Eichhof bei Rümlang Wirklichkeit: Die Glatt wurde auf einer Länge von rund 700 Metern in einen naturnah gestalteten Gewässerabschnitt umgeleitet.
Zuvor hatten Vertreter des Kantons, der Gemeinden und der Flughafen Zürich AG den neuen Flusslauf symbolisch eingeweiht. Dabei schöpften sie Wasser aus dem bisherigen Bett und brachten es in den neuen Abschnitt. Anschliessend öffnete ein Bagger den Damm, worauf die Glatt erstmals durch ihren neuen Lauf floss.
Für Stephan Bruederer, Gesamtprojektleiter der Flughafen Zürich AG, ist dies ein besonderer Moment: «Heute dürfen wir die Glatt aus ihrem Kanal, aus ihrem Korsett befreien und sie in den neuen Lebensraum einleiten. In diesem neuen Gebiet wird sie die Freiheit haben, ihren Lebensraum selbst zu gestalten.»
Die Flughafen Zürich AG investiert rund 50 Millionen Franken in die Glattrevitalisierung. Das Projekt ausserhalb des Flughafengeländes dient als ökologische Ersatzmassnahme für verschiedene Bauvorhaben am Flughafen Zürich, bei denen schützenswerte Lebensräume beansprucht werden. Durch die Nähe zum Flughafen sollen die ökologischen Auswirkungen der Entwicklung direkt in der Region kompensiert werden. «Es ist ein festlicher Akt heute hier in Rümlang», sagt Stefan Tschudin, Chief Operation Officer der Flughafen Zürich AG. Das grosse Renaturierungsprojekt sei ein Ersatzprojekt nach Natur- und Heimatschutzgesetz. «Die Flächen, die wir für unsere Flughafenprojekte beanspruchen, müssen wir kompensieren, und diese Renaturierung ist eine gute Gelegenheit dazu.» Gleichzeitig sei das Projekt ein Zeichen dafür, dass die Flughafenentwicklung im Einklang mit Nachbarschaft und Natur vorangetrieben werden solle. Tschudin hob zudem die gute Zusammenarbeit mit den kantonalen und kommunalen Behörden hervor, dank der dieser Meilenstein nun gemeinsam gefeiert werden könne.
Die Glatt wurde vor rund 150 Jahren begradigt und kanalisiert. Mit dem Revitalisierungsprojekt zwischen Opfikon und Rümlang soll auf insgesamt 3,3 Kilometern Länge wieder ein vielfältiger Gewässerraum entstehen. Geplant sind Mäander, Flachwasserzonen sowie natürliche Uferbereiche, die eine grosse Vielfalt an Strömungen und Lebensräumen ermöglichen.
Der erste Bauabschnitt im Gebiet Eichhof umfasst rund 1,2 Kilometer. Flache Uferzonen bieten Jungfischen geschützte Entwicklungsräume, während steile Prallhänge ideale Bedingungen für Wildbienen und Eisvögel schaffen. Hinzu kommen rund 1,8 Hektaren neue Riedwiesen, die zu den artenreichsten Feuchtlebensräumen der Schweiz zählen.
Insgesamt werden 345 Bäume und rund 11 600 Sträucher gepflanzt. Für die Gestaltung des neuen Flusslaufs wurde grösstenteils vorhandenes Material wie Lehm, Sand, Torf und Kies verwendet, um eine möglichst naturnahe Entwicklung zu ermöglichen.
Auch Thomas Huber, Gemeindepräsident von Rümlang, sprach von einem Meilenstein. «Aussenstehende haben uns oft gefragt, was hier eigentlich entsteht», sagt er. Ob man hier gerade ein Skigebiet baue oder einfach ein wenig am «Sändelen» sei, gehörten zu den scherzhaften Vermutungen. Nun werde allerdings sichtbar, was hinter den Arbeiten steckt. «Wir freuen uns, wenn es hier bald wieder eine grüne Landschaft hat.» Besonders freue er sich auf den Tag, an dem er entlang der Glatt oder des Flughafenlaufs joggen könne.
Für Christian Marti, Abteilungsleiter Wasserbau beim Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL) und einer der ersten Beteiligten am Projekt, hat der Anlass eine besondere Bedeutung. Bereits 2007 sei im Zusammenhang mit der künftigen Entwicklung des Flughafens nach Lösungen gesucht worden, weil die Glatt innerhalb des vorgesehenen Perimeters lag. Daraus sei schrittweise die Idee einer umfassenden Revitalisierung entstanden. Nach langen Diskussionen, Überarbeitungen und Gesprächen mit Bund, Kanton, Gemeinden und Flughafen habe man schliesslich eine gemeinsame Lösung gefunden. «Das, was man hier heute sieht, ist das Resultat dieser langjährigen Zusammenarbeit», sagt Marti. Aus wasserbaulicher Sicht sei die Umlegung eines Flusses dieser Grösse etwas Aussergewöhnliches: «Das habe ich in all meinen Jahren als Wasserbauer erst einmal erlebt, und zwar bei der Flaz-Verlegung.»
Die Arbeiten am ersten Bauabschnitt sollen im Frühjahr 2027 abgeschlossen werden. Bis dahin werden weitere rund 200 Meter Flusslauf aufgewertet sowie Bepflanzungen und Wegverbindungen fertiggestellt.
Danach wird das Gesamtprojekt vorübergehend pausiert. Grund dafür sind offene Fragen im Umgang mit PFAS-belasteten Böden. «Das Thema PFAS ist leider noch nicht gelöst», sagt Stefan Tschudin. Nach Abschluss der ersten Etappe müsse die Revitalisierung deshalb vorübergehend sistiert werden, bis Klarheit über die künftigen Rahmenbedingungen bestehe.
Tschudin betont, dass es sich dabei nicht um ein lokales, sondern um ein schweizweites Problem handle.
Janik Schmid
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